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Werbung als Kleinverlag bei Amazon KDP – Auf der Suche nach Passierschein A38 [Erfahrungsbericht]

Dass Amazon wegen seinen verdrängenden Praktiken kritisiert wird, ist nicht unbekannt. Ich habe dies als Kleinverleger immer von der positiven Seite gesehen. Denn Amazon hat es geschafft, die Eintrittshürden für den Buchmarkt extrem zu senken. Hierdurch tritt einerseits eine Wettbewerbsverschärfung ein, weil alt eingesessene Verlage mit angestellten Lektoren und verzweigten Vertriebswegen andere Kostenstrukturen und Schwierigkeiten haben, Schritt zu halten. Was aus Sicht eines alt eingesessenen Verlages problematisch sein kann, ist aus Sicht des Autors erstmal toll: Denn wer ein gutes Buch schreibt, kann dieses bei Amazon ohne großen Aufwand veröffentlichen.

Amazon: Gut oder Böse!?

Natürlich sollte ein Lektorat, Cover, Layout usw. professionell gestaltet werden, im Vergleich zu den Abläufen in einem großen Verlag ist dies jedoch vergleichsweise unaufwändig. Leider muss man dazu sagen, dass die niedrigen Eintrittshürden teilweise auch Qualitätseinbußen bringen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass hunderte Rezensionen kurz nach einer Buchveröffentlichung kaum zufällig sind. Ich weiß selbst von meinen Büchern, dass auf vielleicht 100 Buchverkäufe eine Rezension folgt, manchmal deutlich weniger. Wer allerdings ein gutes Buch schreibt, ist nicht davon abhängig, von einem Verlag entdeckt zu werden. Es gibt einige großartige Bücher, die von einer Vielzahl von Verlagen abgelehnt worden sind und dann zu Millionensellern wurden. Das bekannteste Beispiel dürfte „Harry Potter“ von J.K. Rowling sein, es gibt aber auch noch viele weitere.

Damit sind zwei Seiten eines „disruptiven“ Geschäftsmodells beschrieben, bei dem es Gewinner und Verlierer gibt. Es wird sich zeigen, wie gut Amazon für Qualität der Bücher und für ehrliche Rezensionen sorgen wird. Denn wer einmal ein gut bewertetes Buch kauft und dann enttäuscht 60 Seiten voller Druckfehler in den Händen hält, wird beim nächsten Mal vielleicht nicht mehr zu Büchern aus Eigenverlagen greifen.

Gute Ideen setzen sich durch 

Bisher war ich bei dieser Entwicklung des Buchmarktes eher auf Seiten von Amazon. Gute Ideen setzen sich immer durch und dass Amazon derart niedrige Eintrittshürden für Autoren geschaffen hat, die sich nicht zu niedrigsten Tantiemen an Großverlage binden müssen, ist wie gesagt eine tolle Sache. Nun habe ich jedoch Erfahrungen gemacht, die mich daran zweifeln lassen, ob Amazon doch zerstörerischer ist als gedacht.

Der Hintergrund ist, dass ich für meine in der Reihe Rechtsbildung erschienenen Gesetzestexte Werbung bei Amazon schalten wollte. Der Markt der Gesetzestexte ist vom Beck-Verlag dominiert, der in sehr hoher Auflage die weißen Gesetzesbände mit den bunten Buchstaben als Taschenbuch veröffentlicht und die wohl fast jeder kennt. Die Idee einer Herausgabe von Gesetzesbänden entstand bei mir aus der Idee heraus, dass in den kleinen Beck-Texten kein ausreichender Platz vorhanden ist, um sich Randbemerkungen zu machen. Randbemerkungen und Kommentierungen sind jedoch ein sehr wichtiger Aspekt bei der Arbeit mit Gesetzen: Man muss sich Definitionen merken, Schaubilder zeichnen und Einzelfälle bilden. Bei den Beck-Texten ist dieser Platz nicht vorhanden und die Seiten sind zudem sehr dünn, so dass man diese schnell „durchgeschrieben“ hat. In der Reihe Rechtsbildung erscheinen daher Gesetzestexte, die einen breiten Rand genau hierfür haben. Macht man einen Kurs oder bereitet sich auf eine Prüfung vor kann man mit dem Gesetz durch die Kommentierungen wirklich vertieft arbeiten und lernen. Aus meiner Sicht ein klarer didaktischer Vorteil (einzig mit dem Wermutstropfen, dass man später in einer Prüfung die Texte in den meisten Fällen nicht verwenden darf).

Unter der Oberfläche: Systematisches undurchdringliches Dickicht

Die Reihe Rechtsbildung kommt gut an und verkauft sich bereits in geringer Stückzahl, was mich sehr freut. Man muss das Produkt aber erklären und um unter den mehreren Millionen Büchern gefunden zu werden, wollte ich Werbung schalten, wie man sie mittlerweile relativ häufig bei Büchern sieht. Und dann begann meine Reise hinter die Fassaden von Amazon, die ich hier schildern möchte, weil sie mich nachdenklich gemacht hat. Zunächst einmal kann man bei Amazon KDP (derzeit) nur Werbung auf englisch schalten, und zwar auf Amazon.com. Will man anderweitig Werbung schalten, und zwar für Amazon.de, gibt es eine Vielzahl von verschiedensten Services, u.A.

  • Sellercentral
  • Amazon Advantage
  • Amazon Marketing Services
  • Vendor Central

Es handelt sich jeweils um eigene Bereiche, für die unterschiedliche Spielregeln gelten, die teilweise miteinander verbunden sind, teilweise auch nicht. Das klingt verwirrend und genauso habe ich es auch erlebt. In der Seller Central kann man für Bücher keine Werbung schalten. Das habe ich aber erst erfahren als ich über Wochen technische Probleme mit dem Account hatte und diverse Gespräche mit dem Service und einigen E-Mail-Verkehr hinter mir hatte. Gut fand ich, dass mir eine Erstattung der gezahlten Gebühren angeboten wurde, weil ich den Service letztendlich nicht nutzen konnte.

Die Suche nach Passierschein A38

Anders als man es Verbraucher bei Amazon aber kennt, sind die Service-Mitarbeiter anscheinend darauf geschult, nur minimalste knappe Auskünfte zu geben. Es wird einem also nicht erklärt, wie das Dickicht der verschiedenen Services funktioniert, sondern nur bis maximal zum Tellerrand geholfen oder auf die Frage A oder B mit C geantwortet. Da ich beruflich sehr viel mit Behörden zu tun habe bin ich in dieser Hinsicht leiderprobt und geduldig, war von Amazon in dieser Hinsicht allerdings mehr als überrascht. Letzten Endes bin ich nach einigen Wochen hin und her, probieren, telefonieren, lesen von Nutzungsbedingungen usw. zu der Erkenntnis gekommen, dass man – Stand: heute (es war mal anders und wird wieder anders) – nur als Vendor Werbung schalten kann. Vendor wird man aber ausschließlich auf Einladung von Amazon. Das ist eine bittere Pille, da die Entwicklungskosten für die Reihe Rechtsbildung nicht unerheblich waren und das Produkt wie gesagt auf Werbung angewiesen ist. Nach den Berichten bei der Selfpublisherbibel soll über KDP zumindest bald Werbung bei Amazon.de möglich sein. Ich frage mich danach, warum dies niemand in den zahlreichen Gesprächen mitgeteilt hat, denn dann hätte ich mir einige Fehlermeldungen erspart. Nun sei’s drum.

Und zusammengefasst?

Die Quintessenz aus dieser Erfahrung ist für mich, dass Amazon als Vertriebskanal ein vielverzweigtes und fast schon hermetisch geschlossenes System ist, das die Bedingungen fortlaufend ändert und modifiziert. Die Änderungen müssen nicht per se schlecht sein. Die Änderungen sind für mich als Kleinverleger allerdings problematisch, weil die Bedingungen unmittelbar Auswirkungen auf die Produktplatzierungen etc. haben können. Besteht erst einmal eine gewisse Abhängigkeit, ist man den Geschäftsbedingungen ausgeliefert und wünscht sich mehr Verlässlichkeit. Dabei ist dies sicherlich ein Größenproblem, denn es ist verständlich, dass Amazon nicht auf jeden Einzelnen eingehen kann. Meine Erwartungen an die Kunden- und Bedienerfreundlichkeit von Amazon haben sich nun doch deutlich relativiert. Ich hoffe, dass Amazon in Zukunft gelingt, mehr auf die Bedürfnisse kleiner Autoren und Verlage einzugehen und in dieser Hinsicht eine bessere Informationspolitik fährt.

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