Die Facebook-Aktie: Politische Börsen haben kurze Beine

Ich bin ein großer Freund von Langzeitentwicklung und der entsprechenden langfristigen Betrachtung von Charts. Eine meiner Grundüberzeugungen ist, dass viele Börsianer deutlich zu kurzfristig denken. Dies wird aktuell in der medialen Landschaft noch befeuert – der Newsflow, so scheint es mir, wird immer schneller und führt zu regelrechten Achterbahnfahrten ohne Berücksichtigung des jeweiligen Big Picture. Hieraus sollte man insbesondere als Privatanleger seine Schlüsse ziehen und den Anlagehorizont immer langfristig setzen.

Beispiel: Die Lufthansa-Aktie. Mitte des Jahres 2016 hieß es von Analysten, es bestehe die letzte Chance für das zu diesem Zeitpunkt unter zahlreichen Problemen leidende Unternehmen. Damals notierte die Aktie bei um die 12 Euro. Heute notiert die Aktie bei um die 27 Euro, es wird eine ansehnliche Dividende gezahlt. Und das, nachdem es zwischenzeitlich bereits zu einer Korrektur gekommen war.

Wer sich den Langzeitchart anschaut, wird allerdings vielleicht schon ohne Blick auf die Fundamentaldaten meine Zweifel daran teilen, wie hoch es für die Aktie noch gehen kann, nachdem sich nun die meisten Analysten einig darin scheinen, dass diese ein Kauf ist. Der Langzeitchart sieht so aus (Quelle: finanzen.net):

Ein aktuelleres Beispiel ist die Facebook-Aktie. Wegen des Skandals um die Überlassung von Nutzerdaten an das Datenanalyse-Unternehmen Cambridge Analytica schien kein Urteil zu hart zu sein. War es das mit Facebook? Es wurde offen über das Ende von Facebook (wie wir es kennen) spekuliert. Andere Autoren berichteten Öffentlichkeitswirksam von dem Hashtag #deletefacebook und davon, Ihren Account gelöscht zu haben. Alles in allem war die Hysterie groß.

Angesichts der über 50 Millionen Datensätze, die, so der Vorwurf, unbefugt herausgegeben worden sein sollen, bestand hierzu gewiss Anlass. Anderseits sollte dies nicht außer in Relation zu der Größe von Facebook und der bisherigen Entwicklung gesehen werden. Das Unternehmen hat zwei Milliarden Nutzer. Meine Beobachtung ist, dass bei Datenschutzverletzungen oftmals ein heftiges Empören von Nutzern und in einzelnen Medien zu verzeichnen ist, das allerdings regelmäßig genauso schnell wieder verpufft, wie es gekommen ist. Es geht mir dabei nicht um die Berechtigung dieser Empörung.

Aber die Börsenweisheit, dass politische Börsen kurze Beine haben, passt auf diese Entwicklungen im übertragenen Sinne sehr gut. Wie oft gab es etwa bereits Aufrufe bei Facebook dazu, gegen AGB-Änderungen zu protestieren und öffentlichen Gegenwind?

Meine These ist, dass den meisten Nutzern der Datenschutz sogar fast egal ist. Dies würden vielleicht nicht viele so sagen, nur werden allgemein wenig Konsequenzen aus der zunehmend betont wichtigen Bedeutung des Datenschutzes gezogen. Denn seien wir einmal ehrlich: Dass Facebook Geld, viel Geld, mit den Nutzerdaten verdient, ist mittlerweile jedem klar. Dass jeder Internetnutzer mittlerweile mit personalisierter, teilweise manipulierter Werbung konfrontiert wird und das Nutzungsverhalten wo nur möglich kommerzialisiert wird, ist ebenfalls klar. Ich betone nochmals, dass ich dies keinesfalls gutheißen will. Aber es handelt sich um eine Realität, in der die Empörung über einen Verstoß wie den im Zusammenhang mit Cambridge Analytica regelrecht als aus der Zeit gefallen anmutet.

Ist Facebook zu alt, nicht mehr hip genug, laufen die jungen User weg und wandern zu Instagram und Snapchat über? Vielleicht. Nur zum Einen steht Instagram im Eigentum von Facebook, ebenso wie WhatsApp. Facebook dürften die gesamtheimlichen Entwicklungen im Bereich Social Media nicht entgangen sein. Denn das Unternehmen scannt den Markt meiner Einschätzung nach sorgfältig und wacht mit seiner Marktmacht über der Konkurrenz. Es dürfte zudem kein Unternehmen geben, dass derart umfassend Know-How in dem Nutzungsverhalten von Social Media – auf allen Kontinenten – aufgebaut hat, wie Facebook, und sich darauf versteht, dies zu kommerzialisieren. Das Ende von Facebook – als Unternehmen – zu prognostizieren, erscheint mir daher sehr übertrieben. Im Ergebnis hilft auch bei Facebook die Beobachtung des Langzeitcharts, um den aktuellen Datenskandal in das Gesamtbild einzuordnen (Quelle: Finanzen.net):