Amazon oder: Die Zukunft der Gesellschaft

Die Amazon-Aktie ist aktuell wieder vermehrt in den Fokus der Börsenpresse geraten. Eigentlich ist Amazon im Verhältnis zur Größe ein relativ stilles Unternehmen, das im Hintergrund eine unglaubliche Innovationskraft aufbaut und neue Geschäftsfelder durch Reinvestitionen erschließt. Die Weitsichtigkeit von Amazon verlangt einem Ehrfurcht ab, da ein Verzicht auf Gewinne und auf das Drehen an der Profitabilitätsschraube zugunsten der Vergrößerung des Unternehmens in der Breite so diszipliniert schon seit vielen vielen Jahren das Vertrauen der Anleger gewinnt und erhält. Dieser Tage rechnet DerAktionär vor, dass aus im Jahre 2007 in Amazon-Aktien angelegten 3000 EUR bis ins Jahr 2018 über 125.000 EUR geworden wären. Zum Vergleich wird die Walmart-Aktie genannt, bei der eine Investition in der gleichen Höhe ca. 6150 EUR erbracht hätte. Damit wird der klassische Einzelhandel dem Online-Handel direkt gegenübergestellt und indirekt prognostizierter, welcher Vertriebsweg aus Sicht der Anleger erfolgreicher war bzw. zukünftig im Vorteil sein wird. Wie bei allen großen Entwicklungen frage ich mich aber auch, ob die Utopie Amazon weiterhin erfolgreich sein wird oder ob das Modell irgendwann an seine Grenzen stoßen wird. Hierzu im Folgenden ein paar Gedanken:

Digitalisierung: Trend oder Wandel?

Für eine Fortsetzung der Erfolgsgeschichte Amazon spricht der digitale Wandel. Die Cloud-Sparte boom weiterhin. Schon seit ein paar Jahren wird gebetsmühlenartig von verschiedenen Seiten vorgerechnet, dass die Datenverarbeitung und die künstliche Intelligenz großartige Fortschritte machen werden und damit einfache Tätigkeiten smart durch Roboter ausgeführt werden können. Unternehmen bekommen aktuell nicht genug vom Thema Digitalisierung. Dies wird einen weiteren Schub für Amazon bedeuten, da das Unternehmen hinsichtlich moderner Logistik Vorreiter ist und auch Innovationskräfte aufbietet. Zu jüngsten Ideen zählten etwa die Lieferung mit Drohnen oder der Zutritt von Lieferdiensten in die Privatwohnung während der eigenen Abwesenheit. Den aktuell in den USA geführten Preiskampf jedenfalls wird der stationäre Handel verlieren. Amazon scheint dabei klar im Vorteil.

Andererseits muss auch gesehen werden, dass viele Menschen durch den digitalen Wandel ihre gelernten Tätigkeiten nicht mehr ausführen können. Wenn es tatsächlich einen eklatanten Wandel gibt, ist die Frage, ob politische Kräfte Gegenwind aufbieten, der dem Ganzen etwa durch Ausgleichsabgaben von volldigitalisierten Betrieben oder Ähnliches einen Riegel vorschieben. Zuletzt wurden ähnliche Probleme mit der Kritik durch den US-Präsidenten an Amazon als ausbeuterischem Betrieb laut, der der traditionellen Lieferindustrie schade. Viele einschneidende Menschheitsbewegungen produzieren irgendwann Gegenbewegungen, dies hat eine gewisse historische Konstanz. Kommt daher irgendwann die große Rückkehr zum entkoppelten Leben, Lokales statt Globales etc., eine multinational angestrengte Zerschlagung oder Teilverstaatlichung von Internet-Giganten?

Nichts ist beständig außer der Wandel

Meine Prognose ist, dass der gesellschaftliche und wirtschaftliche Wandel sich nicht so eindeutig vollziehen wird. Die Gesellschaft wird zweifellos immer ausdifferenzierter und vielschichtiger. Das Internet – aber auch die im realen Leben angekommene Digitalisierung – hält ein unüberschaubares Angebot an allem nur Denkbaren permanent bereit. Menschen (in Industrieländern, aber zunehmend weltweit) bekommen dadurch Zugang zu einem hoch individuellen Angebot, aus dem sich jeder für seine Bedürfnisse sehr einfach das Passende wählen kann. Was hat das mit Amazon zu tun? Die Schraube der Vervielfältigung lässt sich nicht zurückdrehen, oder anders: Der Wandel wird bleiben und mit der bisherigen Anpassungsfähigkeit hat Amazon bewiesen, auch auf gesellschaftliche Entwicklungen einzugehen bzw. auszuloten, wofür die Zeit reif ist (Lebensmittel-Lieferdienste; Medienangebot zur Faltrate, Digital Home) und wofür noch nicht. Ich gehe davon aus, dass aller Kritik zum Trotz diese Entwicklung fortgesetzt wird und Amazon die Vision eines im Alltag unabdingbaren Services weiter umsetzen kann und wird. Amazon hat schließlich einen (fast) unschlagbaren Wettbewerbsvorteil: Die Dienste sparen eine Menge Zeit und ich erwarte, dass Zeit einen immer höheren Wert bekommen wird. Wer kann sich noch erinnern, am Straßenrand zu halten um in der Karte nach dem Weg zu schauen? Heute ist man genervt, wenn das Navigationsgerät oder GoogleMaps einen kurzen Aussetzer haben.

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